Emil Jellinek

Ein Vater mit seiner Tochter, was kann dieses Idyll mit der Geschichte des Automobils zu tun haben? Und dabei sollen auch noch beide daran einen Anteil haben. Wenn wir erst den Vornamen der einzigen,
damals sechsjährigen Tochter aus erster Ehe verraten, ist das Rätsel schon fast gelöst: Mercédès. Eigentlich müssten sich also auch die Fahrzeuge der Fa. Daimler mit dem so korrekt geschriebenen Namen
ausweisen.
Übrigens ist die Aussprache in richtigem Spanisch für deutsche Zungen noch schwierger. Der Vater hat sie geliebt, die Sprache, obwohl er 1853 in Leipzig geboren ist. Und das Französische ohnehin,
schließlich spielt sich ein Hauptteil der hier zu erzählenden Geschichte an der Côte d'Azur, einem Teil der französischen Mittelmeerküste ab. Am Ende trägt alles zumindest den Beinnamen Mercedes, die
Autos, die neu gegründete Firma, die Villen und auch die Familie, 1903 von den Behörden in Österreich ausdrücklich bestätigt.
Nizza ist also zu der Zeit nur der Wintersitz, wobei sich dort später zu der einen noch eine zweite Villa gesellt. Sie merken schon, Jellinek ist im Laufe der Geschichte sehr reich geworden. Aber seine
eigentliche Heimat ist Wien, wo er als Sohn eines Oberrabbiners lebt, dessen Tätigkeitsbereich von Leizig nach Wien gewechselt hat. Ein Bruder wird später Jurist und weltweit anerkannter Staatsrechtler, der
andere Professor für Altgermanistik.

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Emil Jellinek interessiert sich offenbar mehr für Technik, wird Beamter bei der Österreichischen Nordwestbahn und eifert zunächst seinem Onkel nach, der ein Bahnunternehmen hat. Seine Automobile
finanziert er durch erfolgreiche Versicherungs- und Aktiengeschäfte. Das beginnt mit dem dampfbetriebene Dreirad von Léon Bollée und einem ebensolchen mit Verbrennungsmotor von Dion-Bouton (Bild
oben). Immerhin befindet sich unter seinen Fahrzeugen eine Benz Victoria, ab 1893 gebaut (Bild unten).
| Erster vierrädriger Benz . . . |

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Der nächste Autokauf, weil ihn bis dahin keiner zufriedengestellt hat, sollte für ihn eine schicksalhafte Bedeutung erlangen. Es ist ein Panhard & Levassor mit einem Zweizylinder und 2 kW (2,5 PS) Leistung,
der auf einer Lizenzvereinbarung mit der Daimler-Motoren-Gesellschaft beruht. Und bei der Fahndung nach dem Ursprung dieses Motors trifft Jellinek 1897 auf Wilhelm Maybach in Stuttgart.
Vermutlich hat es dort schon eine Version des Motors mit 4,5 kW (6 PS) gegeben, jedenfalls ist mindestens einer der beiden jetzt neu bestellten Wagen mit diesem Motor ausgerüstet und Jellinek genießt trotz immer noch
schwieriger Fahreigenschaften eine Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h und das Erklimmen von zwölfprozentigen Steigungen. Dass er dafür pro Stunde gut 50 Liter Wasser finden und nachfüllen muss, nimmt
er billigend in Kauf.
Immerhin erwarten ihn in dem Wagen gute Grundlagen und eine gewisse, bis dahin vermisste Betriebssicherheit. Schon im nächsten Jahr kauft er 3 und in den beiden Jahren darauf 10 bzw. 28 Wagen direkt bei
Daimler, was dann schon knapp ein Drittel der Gesamtproduktion ausmacht. Das verschafft der Firma endlich eine Marktmacht, die über die der bis dato deutlich mehr verkaufenden Firma Benz hinausgeht.
1900 ist bekanntlich auch das Todesjahr von Gottlieb Daimler, was Maybach für die nächsten knapp sieben Jahre deutlich mehr Entscheidungsfreiheit geben wird. Er bejaht den Vorstoß von Jellinek, doch
bitteschön an Rennen teilzunehmen um seine anspruchsvolle Klientel zu überzeugen, an die er die Wagen weiterverkauft. Es wird sogar noch verrückter, als Jellinek z.B. 17,5 kW (24 PS) verlangt und Maybach
1901 sogar 25,5 kW (35 PS) liefert.
| Rennwagen von 1900 mit 17 kW (23 PS) . . . |

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So ist es kaum verwunderlich, dass Mercedes, wie die Firma jetzt heißt, das Rennen Nizza-La Turbie 1991 gewinnt. Wie weit Maybach damit seiner Zeit voraus ist, zeigt diese sehr frühe Konstruktion eines
Vierzylinder-Reihenmotors, wenn auch in zwei Blöcke aufgeteilt, wie noch lange Zeit üblich.
Er ist der Zeit entsprechend langhubig ausgelegt, hat fast sechs Liter Hubraum, je Zylinder zu deren beiden Seiten von einer einzigen seitlichen Nockenwelle betätigte, stehende Ventile. Diese können durch
verschließbare Öffnungen demontiert bzw. bearbeitet werden, obwohl die Zylinderköpfe mit den Zylindern zusammengegossen sind.
Die Verbrennung wird jeweils durch eine Abreißzündung mit einem verstellbaren Zündzeitpunkt eingeleitet, obwohl die Nenndrehzahl 'nur' 1000/min beträgt. Schon das Vorgängermodell zeigt den berühmten
Bienenwabenkühler, der den enormen Wasserverbrauch einschränkt und ein Getriebe mit Kettenantrieb statt eines Riemenantriebs.
| Der Bienenwabenkühler senkt die Menge und damit das Gewicht an umlaufendem Wasser
gegenüber dem Röhrchenkühler erheblich. |
Wie wichtig der neue Vermittler Jellinek inzwischen für die Firma geworden ist, zeigt nicht nur die Namensänderung, sondern auch die Tatsache, dass Maybach vor dem Rennen persönlich in Nizza erscheint
und noch einige Mängel beheben kann. Der Wagen erreicht dann auch nicht nur den Sieg, sondern auch eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h.
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