Karosserie 1

Wäre eine zentrale Frage in diesem Buch: Wie entsteht eigentlich eine neue Karosserie? Fängt ja gut an, denn so eine richtig neue Karosserie gibt es eigentlich nicht. In aller Regel gibt es ein
Vorgängermodell oder sogar eine verpflichtende Plattform. Und dann sind für die Marke und den Typ bestimmte Styling-Merkmale vorgesehen, abgesehen von einem Modell darüber und einem darunter,
auf die Rücksicht genommen werden muss.
Es ist zum Lachen, wenn bei vielen Vorstellungen, die über ein Facelift hinausgehen, von einem weißen Blatt Papier geredet wird, von dem man ausgegangen ist. Bestimmt wurde in der Aufstellung der
Zwänge noch einiges vergessen, nicht zuletzt die Kostenfrage und das Marketing. Und wie ist das bei einer neuen Firma mit deren erstem Modell? Die nimmt sich meist zur Sicherheit mindestens einen
bekannten Designer und der bringt dann schon Entwürfe im Kopf mit.
| Sehr weit weg vom späteren Produkt . . . |

Jetzt tun wir aber mal so, als ob wir frei von Zwängen wählen könnten. Auch die modernsten Trends mögen keine Rolle spielen. Dann wäre der Beginn vermutlich ein aerodynamisch perfekter
Grundkörper so etwa in den Maßen des zu konzipierenden Fahrzeugs. In dem müssen dann mindestens zwei Boxen geschaffen werden, vorne für den Motor und dahinter mindestens für zwei
nebeneinander Platz nehmende Passagiere. Dann würden in die Haut Öffnungen für Glasscheiben geschnitten.

Es könnte im Extremfall auch hochwertiges Plexiglas sein. Aber, obwohl es das heute schon massenhaft als Abdeckung für die Scheinwerfer gibt, wäre es zumindest als Windschutzscheibe wohl nicht so
gut geeignet. Man macht sich keine Vorstellungen über den Winddruck an der Windschutzscheibe z.B. bei hohen Geschwindigkeiten und über die Tonnen von feinem Unrat, der nicht immer elegant über
sie hinweggleitet, sondern deren Oberfläche angreift. Da gibt es Leute, die nach sagen wir 100.000 km einen Austausch planen.
Übrigens sind Sichtverhältnisse auch für die Sensorik wichtig, die zunehmend hinter der Scheibe Platz nimmt. Außerdem sind da ja noch die Scheibenwischer, womit wir bei der Heckscheibe und aus
Gründen der Praktikabilität insgesamt wieder bei Glas gelandet sind. Lässt sich denn wenigstens an der Karosserie durch Kunststoff Gewicht sparen? Ja, sicherlich viel an den Anbauteilen, aber so weit sind
wir mit unserer Planung noch nicht.
Und wie steht es mit einer Kunststoff-Gesamtkarosserie? Hat es gegeben, z.B. im Lotus Elite von 1957 (Bild ganz oben). Die Firma war und ist vielleicht auch noch bekannt für ihre Leichtbaukünste. Da bei
Glasfaserverstärktem Kunststoff Hohlräume schwierig herzustellen sind, hat man das zweisitzige Coupé aus drei Teilen zusammengesetzt, einer Bodengruppe mit Innenkotflügeln, einem
Zwischenteil mit Schwellern, vorderem Scheibenrahmen und Verstärkungen der Feder-/Dämpferaufnahme und der Außenhaut samt Dach.

Sie haben schon das Alter der Konstruktion bemerkt. Es war vor den ersten Veröffentlichungen der Ergebnisse von Crashtests. Danach war eine solche Lösung nicht mehr möglich. Selbst der Einsatz von
Kohlefaserverstärktem Kunststoff (CFK) ist bei Straßenfahrzeugen auf die Fahrgastzelle beschränkt. Zu wenig Aufprallenergie würde bei dessen vollständiger Verwendung aufgenommen. Sogar den Boden
baut man auch neuerdings noch aus Aluminium (z.B. BMW i3, Bild oben).
Aber auch Anbauteile aus GFK, obwohl vielfach bei der Herstellung von Automobilen eingesetzt, haben sich nicht durchgesetzt. Zu viel Aufwand und eventuelle Aushärtezeiten verhindern eine effiziente
Produktion. Und nach der Abwahl von CFK für große Teile der Fahrgastzelle bleibt Aluminium als alternativer Karosseriewerkstoff übrig. Allerdings hat er sich für die einigermaßen kostengünstige
Kompaktklasse ebenfalls nicht flächendeckend festsetzen können. Also bleiben wir bei Stahl, der sich in Konkurrenz zu all diesen Bedrohungen als erstaunlich entwicklungsfähig erwiesen hat.
Zur Klarstellung: Wir entwickeln hier nur eine Karosserie, kein Fahrwerk, wo natürlich Aluminium z.B. auch in geschmiedeter Form den Stahl zunehmend verdrängt. Und da unser Prototyp eher für den
Massenmarkt als für die Oberklasse gedacht ist, kommt auch als Aufnahme für das Fahrwerk nur Stahlblech in Frage. Man hat ja das Gefühl, je teurer und seltener der Supersportwagen, desto mehr feiert
der Rohrrahmen von damals fröhlichen Urstand, allerdings auch hier Alu statt Stahl.

Kommen wir zur möglichen Form unserer Kompaktlimousine, übrigens hier für das etwas höherpreisige Segment angedacht. Hatchback oder Fließheck, letzteres nachdem schon totgeglaubt enorm im
Kommen. Den Raum am besten ausfüllen würde ja Hatchback. Andererseits, welche(r) Kunde/in kauft überwiegend nach rationalen Gesichtspunkten? Die Karosserie muss anders sein, einen immer wieder
erfreuen, damit man weiß, wofür man das viele Geld ausgegeben hat. Außerdem, wer belädt schon über die Höhe der Fenster hinaus? Leichte Vorteile für das Fließheck, zumal ja auch hier eine große
Klappe und umklappbare Sitze möglich sind.
Und man hat vielleicht schon so viele Hatchbacks gehabt. Und von vorne ähneln sich die Autos eh wie ein Ei dem anderen. Ein Wunder, dass die Designer es noch schaffen, hier eine Marken- und sogar
eine Typensynchronität hineinzubringen. Eigentlich müsste unser Projekt ja ein SUV werden, natürlich ohne 4WD, also ein angesagter Crossover. Aber den Weg soll der Hersteller gehen, der unseren
Entwurf realisiert. Schrecklich zu denken, dass der dann mit umlaufendem Kunststoff an den Radkästen verunziert wird, um die höher ausgestellten Federn zu kaschieren.
Nein, ein wenig oder vielleicht sogar noch etwas mehr Ehrgeiz darf man uns schon unterstellen. Immerhin müssen wir nicht auf Elemente zurückgreifen, die von anderen Ländern oder Kontinenten
herüberschwappen. Da gab es in grauer Vorzeit amerikanische Straßenkreuzer mit Flugzeugsymbolik, die sogar von Daimler-Benz in reduzierter Form übernommen wurden. Oder das vom
Durchschnittseuropäer als schrecklich empfundene Japan-Design. Alles verschwunden.

Aber es gibt auch selbst verschuldete Irrwege. Frontscheinwerfer, die fast vom Kühlergrill bis zur A-Säule reichen, als Vorlage für die hinteren gleich mit. Seitendesign, das mit einer unmotivierten
Sickenlandschaft künstliche Aufregung schaffen will. Auch soll unser Kühlergrill nicht massenhaft brave Familienväter/-mütter von der Überholspur verscheuchen. Vom cW-Wert und von der
benötigten Luftmenge her würden wir gern auf einen großen Kühlergrill verzichten, aber da ist das Marketing dagegen, wird von potentiellen Käufern/innen nicht akzeptiert und birgt Verwechslungsgefahr mit
E-Autos.
Aber den üblichen, dem Kaninchenstall entnommenen Maschendraht wollen wir auch nicht und Diamanten darin sind uns zu Mercedes-ähnlich. Schlicht schwarzer Kunststoff geht aber auch nicht, denn es
wird eine Differenzierung für die teureren Ausstattungsvarianten gebraucht. Die bringen schließlich den Gewinn. Also müssen wir hier für diese dem ungeliebten Chrom zustimmen, genauso wie bei den
Fensterumrandungen. Dafür kriegen die von Audi abgekupferte schmale Scheinwerfer mit Fernlichtern darunter, die tagsüber wie Lufteinlässe aussehen. In der billigen Ausführung sind es dann tatsächlich
Lufteinlässe und das Fernlicht integriert.

Es ist eigentlich das unwichtigste, erzeugt aber viel Streit, das eventuelle Fenster in der C-Säule. Diese für das Fenster ausschneiden und über einen schmalen Steg mit dem Fenster der hinteren Tür
verbinden? Geht nur bei rahmenlosen Türfenstern, in dieser Klasse unmöglich. Ganz weglassen und als feststehenden Teil des Türfensters in die C-Säule hineinziehen? Normal in die C-Säule einsetzen und
durch waagerechte Streifen kaschieren? Wie Sie schon bemerkt haben werden, treten hier Rundumsicht und Außendesign gegeneinander an.
Und dann die Heckklappe. Man befürchtet wieder einmal das Gejammer über die hohe Ladekante. Tester mit Band- oder Metermaß vergeben Punkte pro Zentimeter. Luftfederung, die den Wagen hinten bei
Beladung ablässt wäre schick. Zu teuer. Die Klappe bis zur Oberkante Stoßfänger ziehen? Dann muss die Karosserie hinten gewichtsträchtig verstärkt werden und die Versicherung stuft die Tarife
ungünstiger, weil bei jedem kleinen Auffahrunfall die Heckklappe in Mitleidenschaft gezogen wird.
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